DALA NASSER

In the Purple

11.09. – 16.10.2021

The turtle who
walked so long
and saw so much
with
his
ancient
eyes,
the turtle
who ate
olives
from the deepest
sea,
the turtle who swam
for seven centuries
and knew
seven
thousand
springtimes,
the turtle
hooded
against
the heat
and cold,
against
sunrays and waves,
the yellow

 

 

Vergeben Sie, Missverständnisse der Gegenwart oder der Moderne. Unsere gemeinsame Abstammung, mit jeder Wende hin zu Freude und Liebe, eine Gegengeschichte zu Krieg und Zerstörung. In unserer Verblendung glauben wir, dem Unvermeidlichen entkommen zu können. Kein Winkel bleibt unberührt, Herkunft ist ein Hirngespinst von gestern, Indigenität ist mit einem Federstrich und einem Spatenstich ausgelöscht. Verdrängung scheint zu verharren, stürzt hier in den blauen Himmel, die braune Erde und das grüne Meer.

Dala Nassers Werk ist ein Epitaph für die Lebenden, ein Aufruf die Toten zu erwecken. Eine synaptische Sinneserfassung, ein Wegweiser hin zum Verlorenen. Eine Karte von Tyros, ein mit Porphyrin gespicktes Substrat, eine Oberfläche, die sich zum Subduralen hinneigt. Anfassen und Spüren sind vordergründig und präsent, und verschieben Bilder ins Unsichtbare und Erinnerungen ins Unbekannte. Die Entdeckung ist eine salzige Kruste, ein sich bewegender Hügel der Hochmut, auf dem die Neueinschreibung beginnen wird.

Sie sucht nach anderen Wegen, die wir jetzt mit ihr zusammen finden. Während unsere Herzen in zwei Hälften zerbrechen, ist diese Arbeit unerlässlich, restaurativ und dringend. Der Ursprung der Unterjochung des irdischen Lebens, das sich im Interesse des Kapitals gestaltet, liegt in der imperialistischen Eroberung und dem Handel. ​​Der Handel: 250,000 Muricidae bieten ihr Leben für eine Unze Tyrischer Purpur an. Der Verzicht auf luxuriöse und königliche Vergnügungen ist keine Kleinigkeit, und die Torheit der menschlichen Beziehungen in der Welt, impliziert die heikle Lage der gebenden und der gnadenlos nehmenden Kreaturen.

Was gefühlt, gerochen, geschmeckt, gesehen, gesprochen, gehört und abgerieben werden kann, ist eingebettet In the Purple (im Purpur).

A.L . Steiner

 

 

Die Galerie Deborah Schamoni freut sich sehr mit In the Purple die erste Einzelausstellung der libanesischen Künstlerin Dala Nasser zu präsentieren. Nasser arbeitet materiell und prozessbasiert, und befasst sich mit Abstraktionen und alternativen Formen der Bildherstellung. In der Ausstellung zeigt sie ihre neueste Videoproduktion The Dead Shall Be Raised und dazugehörige Malereien; Werke, die der Frage nachgehen, wie wir weiterhin das erleben und aufzeichnen, was nicht aufgezeichnet werden kann. Sie setzt verschiedene Instrumente wie 3D-Rendering, Text, (See-) Landschaftsszenen und prozessuale Dokumentationen ein, um die menschliche und nichtmenschliche Verstrickung in die sich fortwährend verschlechternden ökologischen, historischen und politischen Bedingungen aufzudecken.

The Dead Shall Be Raised führt uns durch eine wogende Szenerie einer verlorenen Stadt unter dem Meer, die Geschichte des Königs Hiram und seiner Opfergaben, eine auf den Kopf gestellte, verschwommene Gegenwart städtischer Zersiedelung und die Dokumentation von archäologischen Frottierprozessen der Künstlerin. Nasser destabilisiert unser Verständnis von Realität, dem Verlorenen, dem was bleibt, und dem was sein könnte, durch eine absichtliche Verschmelzung von Geschichte, Mythos und materiellem Dasein. Wie bereits in früheren Arbeiten aber hier mittels bewegtem Bild, besteht Nasser darauf, eine:n sich vom dominanten, auf Verblendung und Mythos basierten Diskurs, lösende:r autonome:n Erzähler:in zu schaffen. Der Akt des Frottierens, das Einsetzen von Kohle und das anschließende Tunken der alten Baumwolle ins Meer, um all das auszubleichen, was sie unter der Sonne und dem freien Himmel so sorgfältig gemacht hat, sind Schritte einer Überlebenspraxis und gleichzeitig eine Rückgewinnung und Befragung dessen, was verloren sein könnte. Ihre Beharrlichkeit ist kein utopischer Wunsch die Geschichte aufzuzeichnen, sondern eine tatsächliche Aufarbeitung und Befragung. Es ist ein Versuch, die Zerbrechlichkeit der Strukturen zu beleuchten, die jahrzehntelang auf Geschichten und Erfahrungen aufgebaut wurden, und von der Geschichte, der Kultur und der Gesellschaft unbeachtet blieben. The Dead Shall Be Raised wirft die Frage auf, wie wir Mythos und Verblendung erfassen, und wie wir den so eng daran geknüpften Strukturen entkommen können.

Das Purpur, das Rot, die Kartografie und die in der Ausstellung zu sehende Endgültigkeit der Malereien, sind alles Teile der Arbeit und Verkörperung der Vergänglichkeit von Zeit und dem Akt der Bezeugung. Die Malereien sind mit Kohle hergestellte Frottagen der archäologischen Überreste von Tyros, auf ausrangierten Stoff vom Haus ihres Großvaters im Südlibanon, in Salzwasser getunkt und mit einem blutrot- und purpurfarbenem natürlichen Farbstoff aus Blumen der Region eingefärbt. Was nach dem turbulenten Entstehungsprozess dieser Malereien übrig bleibt, bildet gewissermaßen immer noch die Auslöschung ab, einerseits sind es Spuren abstrakter Landschaften und Ökologien, andererseits wiederum das was als neue Sprache der Zeit erscheint.

Nassers eindringliche Werke sind eine Erinnerung an die periodische Instrumentalisierung von Archäologie und der Artefakte im Verlauf der Geschichte. Was zurückbleibt sind Strukturen, die andere Erinnerungen und Bedeutungen in sich tragen, als die, die sie heute repräsentieren. Sie bleiben in ihren verehrten oder vernachlässigten Formen die einzigen Zeugen der Zukünfte – lautlos. Die Wellen und Ströme ändern sich, was begraben ist, könnte wiederauftauchen und die Fundamente, die schon seit jeher Geschichten tragen – sei es Mythos, Verblendung oder “Realität” – können weggewaschen oder erodiert werden.

Reem Shadid

 

turtle
plated
with severe
amber
scales
and feet for catching prey,
the turtle
stopped
here
to sleep
and didn’t know it.
So old
that he kept
getting harder,
he quit
loving the waves
and became rigid
like a clothing iron.
He closed
the eyes which
had defied
so much
sea, sky, time and earth,
and went to sleep
among the other
stones.

-Pablo Neruda, La Tortuga (The Turtle), 1961 [trans. Jodey Bateman]

 

Forgive any misconceptions about the contemporary or modern. Our shared  ancestry, with each turn for joy and love a counter-history of war and destruction. We cannot escape the inevitable, although there’s enough delusion to believe so. There is no corner left unturned, nativity a figment of yesterday’s imagination, indigeneity erased at the stroke of a pen and the breaking of ground. Displacement appears here to stay, tumbling into a blue sky, brown earth and green sea.

Dala Nasser’s work is an epitaph for the living, a call to raise the dead. A sensory capture for the synaptic, a guide for the lost. A map of Tyre, porphyrin-laced substrate, the surface bends to the subdural. Touch and feel are primary and present, bringing image to the unseeable and memory the unknowable. Discovery is the salted crust, a shifting mound of hubris on which reinscription will commence.

She seeks other ways, and we find them with her now. As our hearts break in two, this work is imperative, restorative and urgent. It’s origins in imperialist conquest and trade, the subjugation of terrestrial life forms for the sake of financial capital. The trade: 250,000 Muricidae offer their lives for one ounce of Tyrian Purple. Forsaking the pleasure of the luxurious and royal is no small feat, the folly of human Earthly relations implicate the delicate status of the giving creatures and those who mercilessly take.

What can be felt, smelled, tasted, seen, spoken, heard and rubbed is embedded In the Purple.

A.L . Steiner

 

 

 

 

 

Deborah Schamoni Gallery proudly presents In the Purple, the first solo exhibition by Lebanese artist Dala Nasser, a material and process-based artist who works through abstraction and alternative forms of image making. The exhibition premiers Nasser’s latest video production The Dead Shall Be Raised and accompanying paintings; works that explore questions around how we continue to witness and record that which can’t be recorded. She deploys various tools such as 3d renderings, text, landscape/seascape scenes and processual documentation to further reveal the human and non-human entanglement in the perpetually deteriorating environmental, historical and political conditions.

The Dead Shall Be Raised takes us through undulating scenes of a lost city under sea, the story of King Hiram and his offerings, an inverted blurry present of urban sprawling and the documentation of the artist’s process of archeological rubbings. Nasser destabilizes our sense of what is real, what is lost, what remains and what could be through an intentional conflation of history, myth and material being. As in previous works but through moving image this time, Nasser continues to insist on creating an autonomous narrator, one that breaks away from the dominant discourse that is built on delusion and myth. The act of rubbing, the use of charcoal and then submerging the dated cotton in the sea to fade out what she had been diligently doing under the sun and sky are all parts of a practice of survival but also a reclamation and questioning of what might have been lost. Her insistence doesn’t come from a utopian desire to record history but it’s a real scratching and questioning, an attempt at exposing the fragility of structures that have been constructed for decades based on histories and experiences that cannot be recorded be they historical, cultural or social. The Dead Shall Be Raised begs the question of how we record myth and delusion and how do we escape structures so rigidly built on them now.

The purple, the red, the mapping and the finality of the paintings on display in the exhibition are all part of the labour and embodiment of the passage of time and the act of bearing witness to it. The paintings are made through a process of Charcoal Rubbings of the archeological remnants in Tyre, on discarded fabric from her grandfather’s house in South Lebanon, submerged in salty water and then dyed with a crimson and purple natural dye made of flowers from the area. What is left after the tumultuous process of making these paintings somehow still maps erasure, they reveal traces of abstract landscapes and ecologies in some, and what appears as a new language of time in others.

The powerful works of Nasser are a reminder of the cyclical weaponization of archeology and artifacts throughout history. What we are left with are structures that hold different memories and meanings to what they have been prescribed to represent today. They remain in their glorified or neglected forms the sole witness to futures; silently. The waves and currents change, what is buried might resurface and the foundations that have always been holding histories – be they myth, delusional or ‘real’- can be washed away or eroded.

Reem Shadid