DIE MARMORY SHOW III

Guilty Pleasures

curated with Eva Birkenstock

Anna-Sophie Berger   Kerstin Brätsch   Nicole Eisenman

Jana Euler   Kasia Fudakowsi   Helene Hegemann   Flaka Haliti

Morag Keil   Justin Lieberman   Aileen Murphy

Davide Stucchi   Sarah Szczesny   Amalia Ulman

28.04. – 15.07.2016

Guilty Pleasures

Helene Hegemann

Viertel nach Fünf. Ich betrinke mich, mit Chablis und Wodka und einem Edelschnaps aus lokal geernteten Herbstpflaumen, trage ein gestreiftes Velourslederkleid von Givenchy, wiege vierundfünfzig Kilo und stelle fest, dass mein Leben zu etwas geworden ist, das Fachleute gern als „dysfunktionale Routine“ bezeichnen. Ich sehe keine Vegetation mehr, keine Eukalyptusbäume und auch keine Ziereichen. Das Hochland, in dem ich lebe, ist im Smog versunken und von Grautönen ausgelöscht, die Glashäuser sind weg, die mediterranen Feudalvillen auch. Ich sehe Nebel und einen kleinen Streifen Ozean, sonst nichts. Das ist Los Angeles, und ich beginne mich mit dem Thema „Untergang“ zu beschäftigen. So etwas kommt immer wieder vor: Eine Firma geht bankrott, jemand wird damit konfrontiert, dass er an einer Nervenkrankheit leidet, die zur irreparablen Zerstörung der Halswirbelsäule führen kann oder fährt sturzbesoffen mit einem Carsharing-Auto gegen einen Altkleidercontainer am Sunset Boulevard.

An diesem Morgen des im Nebel untergegangenen Kaliforniens entwickelt sich die vorrangig sexuelle Beziehung zwischen X und mir jedenfalls zu etwas, das mich zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren nicht nur über den Untergang als solchen nachdenken lässt, sondern darüber, ob ich den Untergang nicht vielleicht sogar will. X liegt in meinem Boxspringbett und ist in keinem guten Zustand. Normalerweise kann ich schon vom Flur aus hören, ob die Luft noch am Speichel an seinem Hals vorbei zieht, diesmal musste ich mich auf die Bettkante setzen um sicherzugehen, dass er noch lebt. Ich halte zwei Finger an seine Halsschlagader, finde seinen Puls nicht, er bewegt sich ein wenig, trotzdem suche ich weiter. Nach dreißig Sekunden habe ich seinen Herzschlag lokalisiert. Er scheint von einer Tiefschlafphase in einen Zustand gemäßigter Hirnstromwellen überzugehen und stöhnt in einer Tonlage, die komplett von seiner natürlichen Sprechweise abweicht. Seine Augenlider zittern, er richtet sich langsam auf. Zuerst öffnet er das linke Auge, ausdruckslos wie ein Stück Toast, danach schwerfällig das Rechte. Wenn X gesoffen und zum einschlafen Benzodiazepine genommen hat, setzt ab und zu die schlafbedingte Hemmung seiner Motorik aus – er spricht, schlägt um sich oder steht auf, um in der Küche meinen Räucherlachs aufzuessen. Am nächsten Morgen kann er sich dann immer an nichts erinnern und lacht. Der Blick, mit dem er mich jetzt ansieht, hat nichts mehr mit einer Überreaktion auf kreuztolerante Narkotika zu tun. Er sieht nicht durch mich hindurch, sondern gewaltbereit in meine Augen. Er steht auf, treibt mich in die gegenüberliegende Zimmerecke und sagt mir, ich solle zurück zu meinen „furchterregenden Ahnen“ kriechen, „jenen Unseligen, die sich mit drei Meter großen Spinnen um die bittere Wurzel des dürren Dschungelbodens streiten“.

Dann pinkelt er in meinen Kleiderschrank und legt sich zurück ins Bett. Ich bin fassungslos. In seinem PCP-Tabletten-Polamidon-Cocktail hat X sich als Gesamtpersönlichkeit aufgelöst. Sein Verstand ist eine abgenutzte Grammophonplatte, sein wahres Selbst so sehr zum Schatten geworden, dass er gar nicht mehr zu existieren scheint. Gin, Whiskey, Trägheit, Schuld und Tranquilizer. Das hier ist der Zustand, in dem Männer ihren Ehefrauen das Gesicht zerfleischen und danach Teile ihres rohen Fleisches aufessen. Zwei bis dreimal im Jahr lese ich in der Zeitung über Leute, die sich auf Drogen die Kehle durchgeschnitten haben oder von einem Flaggenmast am Straßenrand in den Verkehr gesprungen sind – ich rechne damit, dass X dasselbe Schicksal ereilen und er mich abschlachten wird. Anstatt zu fliehen oder den Krisendienst zu rufen mache ich jedoch bloß die Schlafzimmertür hinter mir zu und setze mich im Erdgeschoss vor den Fernseher.

Ich genieße es. Mit großem Schrecken stelle ich fest, dass ich diesen Zustand genieße – genauso niederträchtig wie ich den Vorgang genießen würde, einen überteuerten, unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellten Seidenschal zu kaufen.

Ich gebe zu viel Geld aus – obwohl ich in einem linksorientierten Haushalt groß geworden bin, in dem man, sobald man von einer „It-Bag“ spricht, darauf hingewiesen wird, „die Rules noch nicht begriffen zu haben“ („Dafür wärst du in den Siebzigern gesteinigt worden!!!“).

Ich bin abwechselnd arm und reich, ich rauche, ich trinke, ich habe kein schlechtes Gewissen.

Woraus ich ein ernsthaftes, unaufrichtiges Hochgefühl absoluten Glücks zu ziehen scheine, ist nicht Luxus; ist nichts, wofür ich ein allseits abzunickendes schlechtes Gewissen zu haben bräuchte, kein Hermestuch, kein Softspot für Justin Bieber und gut produzierte Popmusik; es ist die mangelnde Moral meines Umfelds, die meinen Mangel an Moral noch übertrumpft. Sich nicht die Frage stellen zu müssen, ob man der Böse ist, ist inzwischen mehr wert, als keiner Lebensgefahr ausgesetzt zu sein. Im Fernsehen läuft eine Doku über Südamerika. Der Sonnenuntergang im Süden Brasiliens, blutige Büffelfleischstreifen in Chile, aus Zinkplatten und Kistenbrettern improvisierte Bruchböden. Dreck, Regenwald und weiße Schmetterlinge, die zur Erinnerung an Unfallopfer auf die Autobahnen gemalt werden. Hundekadaver, Karneval, ein achtjähriges Kind mit drei Schusswunden in einem Einkaufswagen. Offene Augen, Wurminfektionen, Fußball und schlechter Sex in Autos. Man nennt das Assoziationskette, glaube ich.  Ein wohliges Gefühl absoluter Verantwortungslosigkeit überkommt mich. Ich bin umgeben von Elend, menschlichem Versagen, organischem Verfall. Und im ersten Stock lauert eine Gefahr – ein unberechenbarer Faktor, der mich in einen Zustand des Überlebenwollens versetzt. Ich kämpfe nicht mehr gegen mich selbst. Ich bin die Gute. X scheint aufgewacht zu sein – ich höre, wie er die Schlafzimmertür aufreißt und den Flur im Obergeschoss entlang trampelt. Hin und her, nach zwei Runden die Treppe hinunter. Ich mache den Fernseher aus und beobachte ihn vom Sofa aus. Sein Körper ist von einem Schweißfilm bedeckt und bleicher als sonst, fast gelb. Hochgezogene Schultern, brachial lautes Zähneknirschen, er geht auf die Kücheninsel zu und holt ein mit Gummibändern zusammengehaltenes, vergammeltes Biohühnchen aus dem Kühlschrank. Ich habe es zwei Wochen zuvor für eine Suppe gekauft und festgestellt, dass es nicht vollständig ausgenommen worden ist – jetzt scheint Lake es marinieren zu wollen. Er schlägt drei Eier auf der Anrichte kaputt und fängt an, das Hähnchen darin hin und her zu wälzen. Als es überall gleichmäßig mit der Eimasse bedeckt ist, beißt er rein und beginnt zu kauen. Ich höre, wie die Flügelknochen in seinem Mund splittern. Seine Augen treten hervor, er stöhnt, kaut weiter, mich interessiert das alles zutiefst. Ich bin starr vor Angst. Und hoffe offenbar trotzdem, dass er gleich mit einem abgebrochenen Flaschenhals auf mich zu rennt und damit entweder mich oder sich selbst umzubringen versucht. Damit ich ihm das später zum Vorwurf machen kann. Damit ich irgendwas gegen den Rest der Welt in der Hand habe.

 

Guilty Pleasures

Helene Hegemann

Quarter past five. I’m getting drunk on Chablis and vodka and an expensive schnapps made from regional autumn plums, dressed in a Givenchy velour-leather dress, weighing fifty-four kilos and realizing that my life has become something that experts like to call a “dysfunctional routine”. I cannot see any vegetation anymore, no eucalyptus trees and no more ornamental oaks. The highlands I live in are sunk in smog and erased by greyscales, the greenhouses are gone, the Mediterranean feudal villas too. I see fog and a sliver of ocean, and nothing else. This is Los Angeles and I am starting to deal with the topic of “downfall”. This kind of thing happens all the time: A company goes bankrupt, somebody is confronted with a neurological disorder which can lead to the irreparable demise of their spine, or drives completely drunk into a used-clothing donation bin on Sunset Boulevard in a carsharing car.

On this fog-sunken Californian morning, the predominantly sexual relationship between X and myself developed into something that, for the first time in fifteen years, enabled me to not only think about downfall as such, but that I might even want downfall. X is lying in my box-spring bed and is not in a good state. Usually I can hear from the hallway if air is still surpassing the saliva in his throat, but now I have to sit on the edge of the bed to make sure he is still alive. I press two fingers onto his carotid artery, cannot find his pulse, he moves slightly, nevertheless I continue to search. After thirty seconds I localize his pulse. He seems to be transcending from a deep-sleep phase into a condition of moderate brainwave activity and groans in a pitch that differs utterly from his usual speech. His eyelids tremble, he slowly rears into an upright position. First, he opens his left eye, expressionless like a slab of toast, and then sluggishly the right. When X is drunk and has downed an additional benzodiazepine to sleep, from time to time a sleep condition inhibits his motor skills – he speaks, thrashes about or gets up to eat my smoked salmon in the kitchen. The next morning he cannot remember a thing, and laughs. The way he now looks at me no longer has anything to do with the overreaction of cross-tolerant narcotics. He does not look through me; rather he looks aggressively into my eyes. He gets up, pushes me into the opposite corner of the room and says I should crawl back to my “tormenting ancestors”, “the unholy ones who quarrel with three meter high spiders about the bitter root of a drought-ridden jungle floor”.

And then he pees in my wardrobe and goes back to bed. I am stunned. X’s entire being seems to have dissolved in his PCP-tablet-polyamide cocktail. His sanity is a worn-out gramophone record, his true self has become a shadow, so much so that he seemingly ceases to exist. Gin, whiskey, lethargy, guilt and tranquilizers. This is the condition in which men beat their wives to a pulp, and then eat their raw flesh. Two or three times a year I read in the newspaper about people who slit their throats on drugs, or who jump off of a flagpole into oncoming traffic – I reckon X’s destiny will be similar and he will slaughter me. Instead of attempting to flee or call 911, I just shut the bedroom door behind me and go and sit in front of the TV on the ground floor.

I enjoy it. With great shock, I realize that I enjoy this state, in the same way as I would enjoy buying an over-priced, inhumanely produced silk scarf.

I spend too much money, despite growing up in a leftist household, where if anybody even mentioned the word “It-Bag”, I would be instructed that I “had not grasped the rules” (“You would have been stoned to death in the 70s for saying that!!!”).

I am alternatively rich and poor, I smoke, I drink, I have no guilty conscience.

From which I extract a seriously inauthentic high of absolute pleasure, which is not luxury, it is nothing I need be ashamed of – no Hermès scarf, no soft spot for Justin Bieber nor well-produced pop music – it is the missing morals of my peers that actually manages to surpass my own moral defunct. Nowadays, not having to question one’s own badness is valued higher than never being exposed to imminent danger. There is a documentary on TV right now about South America. The setting sun in Southern Brazil, bloody strips of buffalo meat in Chile, a ramshackle floor improvised with zinc plates and wooden boards from boxes, dirt, jungle and white butterflies painted on motorways to honour the deceased, dog carcasses, carnival, an eight-year-old with three gunshot wounds in a shopping cart, open eyes, tapeworm infections, football and bad sex in cars. You call that a chain of associations, I guess. A warm feeling of total irresponsibility envelops me. I am surrounded by misery, human failure, organic waste. And on the first floor danger lurks, a capricious factor that puts me in survival mode. I stop fighting against myself. I am the good one. X seems to be awake, I hear him tear open the door and stampede down the first floor hallway. Back and forth, after two rounds down the stairs. I turn off the TV and watch him from the sofa. His body is covered in a film of sweat and he is paler than usual, almost yellow. Hunched shoulders, brutishly loud grinding teeth, he moves towards the kitchen island and retrieves a rotting organic chicken wrapped in plastic bands from the refrigerator. I had bought it for a soup two weeks prior and then realized it had not been fully gutted – now it appears Lake wants to marinate it. He breaks three eggs on the sideboard and starts rubbing the chicken in it, back and forth. Once it is covered evenly with the egg mixture, he bites into it and begins to chew. I hear the wishbone crack in his mouth. His eyes bulge, he groans, continues chewing, which interests me deeply. I am stiff with fear. And hope, nevertheless, that he will run towards me with a broken bottle neck and kill me or himself. So that I can later reproach him with it. So that I have something that I can fault the rest of the world with.