DIE MARMORY SHOW

Aaron Angell, Tue Greenfort, Pierre Huyghe, Anne Imhof, Dani Jakob, Josephine Pryde, Yorgos Sapountzis, Hannah Weinberger

14.02. – 26.04.2014

 

DIE MARMORY SHOW 

14.2. – 26.4.2014

Eröffnung: 13.2.2014, 18.00 – 21.00

Aaron Angell, Tue Greenfort, Pierre Huyghe, Anne Imhof, Dani Jakob, Josephine Pryde, Yorgos Sapountzis und Hannah Weinberger

Kuratiert von Gürsoy Doğtaş und Deborah Schamoni

„P.S. Last night I dreamt of a bluetit that stared at me for a few minutes and then, without a twitter, flew away. As I turned around to speak to you, instead of words, a melodic twitter of a bird emitted from my mouth.“

(Walt Kuhn an Vera Kuhn, Oktober 1912)

 

Der Fund eines gut 100 Jahre alten Briefes zwischen Marmorplatten in den Galerienräumen (eine ehemalige Wohnvilla), bildet den Anlass der Ausstellung „Die Marmory Show“.

Dieser niemals abgeschickte Brief, datiert auf den 24.10.1912, stammt mit größter Wahrscheinlichkeit von Walt Kuhn, Maler, Organisator und Promoter der Armory-Show 1913, und ist an seine Frau Vera Spier Kuhn adressiert. Während seiner ausgedehnten Europareise zwischen September und November 1912 stand er in einem regen Austausch mit ihr. Diese unveröffentlichten Korrespondenzen geben detaillierte Einblicke in die Überlegungen und Planungen zur Armory Show.

Im Oktober hielt sich Walt Kuhn für eine Woche in München auf, um eine Künstlerliste für die geplante Verkaufsausstellung zusammenzustellen. Diese Liste liest sich wie das Verzeichnis des Who-is-Who der klassischen Moderne. Mit der Armory-Show, die mit großer Wucht die europäische Avantgarde nach New York brachte, startete die Moderne in den USA. In diesem gefundenen Brief berichtet Walt Kuhn von außergewöhnlich intensiven Naturerlebnissen, die er gemeinsam mit Wassily Kandinsky bei der Lektüre der Schriften der russischen Okkultistin Helena Blavatsky machte.

Doch Kuhns ebenso überraschende und zu jenem Zeitpunkt fortschrittliche Überlegung, diese Erlebnisse in das kuratorische Konzept der Armory-Show zu überführen, wird nie umgesetzt. Über die Gründe dafür kann nur gemutmaßt werden: Die turbo-avantgardistischen Arbeiten der Zeit waren an sich schon eine Überforderung des amerikanischen Kunstpublikums, so dass man es vor zudem kuratorisch-experimentellen Konzepten womöglich verschonen wollte. Plausibler erscheint uns aber, dass das damalige wissenschaftlich-kulturelle Verständnis von „Natur“ einen derartigen kuratorischen Zugang gänzlich versperrte.

Die jüngere Kunstentwicklung bestätigte uns darin, Kuhns vage formuliertes Ausstellungskonzept, in dessen Fokus das Naturerlebnis steht, aufzugreifen und umzusetzen. Sowohl im Sozialen als auch in der Natur beobachten wir, dass die Kunst die unmittelbare Transformation von Wirklichkeiten anstrebt. Künstlerinnen und Künstler lassen die Grenzziehungen zwischen Tier/Mensch, Mensch/Pflanzen porös werden, sie nehmen eine anti-essentialistische Perspektive ein, suspendieren Herrschaftsansprüche des anthropozentrischen Wissenschaftsprinzips und werfen neue Fragen zur Natur und Verantwortung ihr gegenüber auf.

Für das innerhalb der Pflanze-Mensch-Tier-Beziehung aktive Spannungsfeld sucht die Marmory Show mit den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern eine temporäre Form.

 

24. Oktober 1912

Liebe Vera,

an meinem letzten Abend in München wurde ich per Zufall Zeuge eines außerordentlichen Erlebnisses. Hiervon kann ich dir bloß schemenhaft berichten, bevor ich nach Paris aufbreche. Bitte gehe sehr vertraulich mit diesen Informationen um, in falschen Händen wäre es ein endloser Grund für Spott und Hohn.

Gestern Nachmittag auf meinem Weg zum Hotel traf ich Kandinsky, der mich überredete, an einem Treffen von Theosophie Interessierten teilzunehmen. Er meinte, sie würden sich regelmäßig treffen und gemeinsam Helena Blavatsky lesen und einiges aus ihren Büchern in die Praxis umsetzen. Heute sei wieder ein Praxisabend.

Nur einige Straßen von meinem Hotel entfernt, in einer beeindruckende Villa, hatten sich Personen (mit mir sieben) versammelt (unter anderem auch Marianne von Werefkin). Zwar war ich willkommen, aber man bat mich in einem ernsten Ton, nur zu sprechen, wenn es gar nicht anders ginge und ansonsten solle ich mich in die Abläufe schnell und geschickt einfinden.

Alles begann mit einer angeleiteten Konzentrationsübung auf einen Schneeflocken-Obsidian. Während dessen verflüssigte sich auf eine komische Weise das Außen mit dem Inneren. Also irgendwie war es, als wäre ich dieser Stein selbst oder hätte seine Frequenz.

Das Nächste woran ich mich erinnere ist, dass jeder von uns ein sehr kleines Stück eines Pilzes aß und wir uns draußen im waldähnlichen Park befanden. Obwohl das Ganze kräftig dem gesunden Menschenverstand widerspricht, war es doch sehr real.

Ich trat mit einer Buche (ja, einem Baum) in Kontakt. Dies kann man keineswegs mit der Kommunikation zu einem anderen Menschen vergleichen. Vielmehr befand ich mich im energetischen Feld diese Baumes, in seiner Aura, so erzählte man mir später. Über ein feinstoffliches Energiesystem strömten seine Kräfte in meinen Körper, aber in einer unglaublichen Wechselbeziehung strömten auch meine Kräfte in den Baum.

Mit dem Versuch diese sensationellen Energien und Vibrationen in einen Text zu überführen, kann ich nur scheitern: Baum, Bahn, Band, bannen, bändern, beben, bedanken…

Meinst du solche Erlebnisse könnten auch in der Ausstellung hergestellt werden? Neben der umfangreichen Sammlung radikaler europäischer Kunst. Mal sehen, vielleicht fällt mir in der nächsten Zeit eine Form hierfür ein.

Love,

W

Ps.: Heute Nacht träumte ich von einer Blaumeise, die mich Minuten lang anblickte und ohne einmal gezwitschert zu haben, wegflog. Als ich mich dann umdrehte, um mit dir zu sprechen, kamen keine Worte aus meinem Mund, sondern nur die melodischen Piep-Töne eines Vogels.

 

 

DIE MARMORY SHOW 

14.2. – 26.4.2014

Opening: 13.2.2014, 6pm – 9pm

Aaron Angell, Tue Greenfort, Pierre Huyghe, Anne Imhof, Dani Jakob, Josephine Pryde, Yorgos Sapountzis und Hannah Weinberger

Curated by Gürsoy Doğtaş und Deborah Schamoni

„P.S. Last night I dreamt of a bluetit that stared at me for a few minutes and then, without a twitter, flew away. As I turned around to speak to you, instead of words, a melodic twitter of a bird emitted from my mouth.“

(Walt Kuhn to Vera Kuhn, October1912)

 

The discovery of a 100-year old letter, found lodged between the marble slabs of the gallery space (formerly a residential villa), brought about the initial idea for ‘Die Marmory Show’.

This unsent letter, dated 24.10.1912, was, with the highest certainty, written by Walt Kuhn; painter, organiser and promoter of the Armory-Show in 1913, and is adressed to his wife Vera Spier Kuhn. During his extensive travels through Europe between September and November, he remained in close contact with her. This unofficial correspondence gives a rich and detailed insight into the thoughts and planning that went into the realisation of the first Armory Show.

In October 1912, Walt Kuhn spent a week in Munich, putting together a list of artists for the planned commercial exhibition. This list reads like a directory from a ‘Who’s Who’ of Classic Modernism. The Armory-Show introduced the European avant-garde to New York and acted as the catalyst for the onslaught of Modernism in the USA.

In this letter, Walt Kuhn tells of unusual and intense encounters with nature, which he experienced together with Kandinsky under the influence of Helena Blavatsky’s writings.

His surprising and progressive thoughts, regarding the incorporation of such experiences into the curatorial concept of the Armory-Show, never materialised. One can only speculate about the reasons as to why this was so. Possibly, the turbo-avant-garde works of that time were already too much of a mental overload for the American public, so much so that it was presumably better to spare them the curatorial, experimental concepts. It seems more plausible to us that the scientific-cultural understanding of ‘nature’ at that time clearly did not allow such a curatorial approach.

The recent developments in art are confirmation of our intent to address and realise Kuhn’s vaguely formulated exhibition concept that focuses on experiences of nature. We observe, in the social, as well as in nature, that art’s aim is the direct transformation of realities. Artists blur the boundaries between that which is animal/human; human/plant; managing to acquire an anti-essential perspective, suspending hierarchies of androcentric, scientific principles and prompting new questions with regards to nature and the responsibilty thereto. The exhibition aims to find a temporal form for this status of the plant-human-animal-relationship.

 

24th October, 1912

Dear Vera,

On my last evening in Munich I was witness to an extraordinary experience. Concerning this I can recount only vaguely, before I must leave to Paris. Please deal with this information with the utmost discretion – in the wrong hands it could be used as an endless excuse for scorn and derision.

Yesterday afternoon on my way to the hotel I met Kandinsky, who convinced me to take part in a meeting of the theosophically-interested. He said that they met regularly to read from Helena Blavatsky’s books and practice applying her theories. Today was to be one of those evening’s of praxis.

These people, seven including me, assembled – Marianne von Werefkin, amongst others – in a bleak villa only a few streets from my hotel. I was welcome, however, I was requested in a serious tone of voice, only to speak if absolutely necessary and otherwise see to that I quickly adapt to the proceedings. It all began with an instructed exercise in concentration: on a snowflake obsidian. In the mean time, the outside strangely seemed to melt into the inside. Somehow, it was as if I were this stone or as if I had the same frequency as it.

The next thing I remember is that everyone was eating a very small piece of mushroom and that now we were outside, in a forest-like park. Although the whole thing contradicts any kind of common sense, it very much seemed as though it were reality.

I connected with a beech (yes, a tree).  This is definitely, and in no way comparable, to the contact with another human being. I increasingly found myself in the tree’s field of energy; ‘in its aura’, as I was told later on. Via an ethereal energy system the tree’s strength seemed to enter into my body, but in an unbelievable correlation my strength also entered into that of the tree.

By attempting to capture these sensational energies and vibrations with words, I know I can only fail: tree, train, trap, tie, tremble, thank…

Do you think it would be possible to recreate these kind of experiences in the exhibition ? Alongside a comprehensive collection of radical European art. Let’s see, maybe I will manage to come up with a suitable form for this soon.

Love,

W

P.S. Last night I dreamt of a bluetit that stared at me for a few minutes and then, without a twitter, flew away. As I turned around to speak to you, instead of words, a melodic twitter of a bird emitted from my mouth.