JUDITH HOPF

REST

25.06. – 07.08.2021

Judith Hopf
REST
25.06. – 07.08.2021

Jenny Nachtigall

Judith Hopfs subtile Unterwanderungen skulpturaler Paradigmen, entspringen stets einem Impuls des Einebnens von Hierarchien (gesellschaftlicher, materieller und künstlerischer). In der neuen Werkgruppe der Ausstellung “Rest”, erweitert die Künstlerin ihre mehrschichtige Untersuchung dieses Paritätsprinzips. Während die schwer belasteten und manchmal unleugbar komischen Beziehungen zwischen Menschen und ihren technologischen Gegenständen schon immer zum Repertoire von Hopfs Praxis gehörten, rückt die Künstlerin in “Rest” nun die ökologischen Konsequenzen solcher ungleichen Ökonomien zwischen Menschen und Dingen ins Rampenlicht. Wie Requisiten für ein Theaterstück ohne Skript, lädt diese Reihe neuer Skulpturen das Publikum dazu ein, stehenzubleiben, innezuhalten und sich umzuschauen. Was sehen Sie?

Zwei raumgreifende lebensgroße Figuren, die Mobiltelefone halten, drei sich schlingende Skulpturen in köstlichem Rot, die Apfelschalen oder zerrissenen Möbiusbändern ähneln (je nachdem, von welcher Seite sie betrachtet werden), und zwei aus den Materialresten dieser Skulpturen gefertigte Objekte. Alle diese Gegenstände besetzen den ambivalenten (Bühnen-) Raum, den Hopf zwischen den verschiedenen Bedeutungen des englisch-deutschen Homonyms „Rest“ aufgebaut hat, das heißt zwischen dem deutschen Wort für „Überbleibsel“ und dem englischen Ausdruck für „Unterbrechung“ oder „Pause“ (rest). Anders als bei manchen ihrer früheren Arbeiten, für die Hopf industrielle Werkstoffe und hochentwickelte Technologien des 3D-Drucks nutzte und damit bezaubernd skurrile, aber nicht besonders technisch erscheinende Objekte hervorgebracht hat, beschränkt sich die Künstlerin in “Rest” ganz bewusst auf das Einfache. Die Ausgangsmaterialien ihrer neuen Objektgruppe sind Ton, Keramik und Holz. Dabei ist die Hinwendung zum Nichtsynthetischen weder eine romantische Rückkehr zur „Natur“, noch technophob, sondern eine Fortführung einer langjährigen Auseinandersetzung mit den Ökonomien künstlerischer Produktion. Sie ist eine Einladung, das Tempo zu wechseln, einen Schritt zurückzutreten, zu pausieren. Hopf erinnert uns daran, dass Entschleunigung und Humor gleichermaßen das scheinbar Vertraute verfremden können und uns so gestatten, anders auf die Dinge zu blicken – und manchmal auch auf uns selbst.

Entsprechend dieser Einladung zur Distanzierung, fordern die auffälligsten Objekte der Ausstellung Phone User 4 + 5 einen langsamen Betrachtungsmodus. Hopf hat diese Tonplastiken von Grund auf und von Hand hergestellt. Aus dutzenden kleineren Fragmenten zusammengesetzt, eine handvoll Ton nach der anderen hinzugefügt, entziehen sich Phone User 4 + 5 dem unmittelbaren visuellen Konsum. Dieser langsame Produktionsprozess ist so buchstäblich in ihre Oberflächen und Formen eingeschrieben. Phone User 4 + 5 verwandeln den (skulpturalen) Körper in eine Akkumulation von Berührungen und die Künstlerin in eine weiche Maschine, ein körperliches Scangerät. Hopfs Skulpturen verwandeln so die schrillen Fantasien und Ängste, die intelligente Maschinen umgeben, in eine materielle Reflexion über die Ethik und Politik des Machens. Eine besondere Achtsamkeit gegenüber unterschiedlichen Modi von Handeln und Sein, durchzieht Hopfs Auseinandersetzung mit Produktion- und Konsumsystemen. In “Rest” zeigt uns die Künstlerin die nackten Elemente eines gesellschaftlich-materiellen Metabolismus, indem sie den Materialabfall der einen Skulptur – ihren Rest – zum Ausgangsmaterial einer anderen macht. Trotz der Dringlichkeit, aus der solche strukturellen Vorschläge der skulpturalen (Re-) Produktion entspringen, vermitteln sie eine gewisse Leichtigkeit. Ähnlich wie in Cartoons, in denen die furchtbarsten, brutalsten Handlungen mit unerklärlicher Mühelosigkeit ablaufen können, sind hier die Apfelschalen als sprichwörtliche Speisereste vom Teller auf den Boden der Galerie gerutscht und auf wundersame Weise zu festen, sehr viel größeren, verlockenden Gegenständen gewachsen.

Vermeintlich simpel in ihrer Erscheinung und humorvoll in der Wirkung, werfen Hopfs Objekte schwierige Fragen auf: Wie kann man in einer Zeit extremer materieller Erschöpfung und wirtschaftlichen Verwüstung, damit weitermachen Dinge zu produzieren und wie die Dinge der Kunst? Welche Politiken der (Re-) Produktion bestimmen die Gegenwartskunst in ökonomischer und ökologischer Hinsicht? Welche (toxischen) Materialien und welche (gewaltvollen) Strukturen halten dieses System am Laufen und wie sind wir selbst darin verwickelt? Das sind große Fragen, die sich nicht immer einfach beantworten und dennoch unmöglich ignorieren lassen. Indem Hopf zulässt, dass sich die scheinbar unvereinbaren Kategorien des Gigantischen und des Winzigen, des Makro und Mikro berühren, holt sie solche Abstraktionen auf einen menschlichen, persönlichen Maßstab herunter. Sie werden so auch zu Ihren und meinen Abstraktionen, obwohl und wie immer, in ungleicher Weise verteilt.

(Übersetzung aus dem englischen)

Judith Hopf
REST
25.06. – 07.08.2021

Jenny Nachtigall

Judith Hopf’s subtle subversions of sculptural paradigms have always been animated by an impulse of levelling hierarchies (social, material, artistic). In “rest” the artist expands her multi-levelled exploration of that principle of parity through a new body of works. While the deeply fraught and sometimes nonetheless undeniably comical relationships between humans and their technological objects belongs to the core repertoire of Hopf’s practice, in “rest” the artist puts the ecological implications of such uneven economies between people and things centre stage. Like props for a play without script, a suite of new sculptures invites viewers to stop, to slow down and look around. What do you see?

Two large, human-sized figures holding mobile phones, three deliciously red-coloured looping sculptures that lookslike an apple peel or a broken Mobius strip (depending on which side you look at) and a number of objects that are made out of this sculptures material leftovers. All of these objects occupy the ambiguous space (the stage) that Hopf has built in between the different meanings of the homonym “rest”, which is to say: between the German word for leftover (“Rest) and the English expression for break or pause. Unlike some of the artist’s previous works in which industrial materials and advanced 3D printing technologies were used to produce enchantingly whimsical, not very techy looking objects, for “rest” Hopf goes deliberately basic. The primary materials of her new assembly of objects are clay, porcelain and wood. This turn to the non-synthetic, however, is neither a romantic return to “nature”, nor technophobic, but the expansion of an ongoing engagement with the economies of artistic production. It is an invitation to change pace, to step back, to rest. As Hopf reminds us, deceleration and humour are alike in that both render the seemingly familiar strange. They allow us to look at things differently – and sometimes also at ourselves.

Consistent with this invitation to distancing, the exhibition’s most visible objects, Phone User 4 + 5 demand a mode of slow looking. Hopf produced these clay sculptures from the bottom up and by hand. Made out of dozens of smaller partial objects, Phone User 4 and 5 defy immediate visual consumption. The slow temporality of their making – adding one handful of clay after the other – is literally inscribed onto surface and shape. In rendering the (sculptural) body into an accumulation of touch and the artist into a soft machine, a corporeal scanning device, Phone User 4 + 5 deflate the shrill fantasies and fears surrounding intelligent machines into a material reflection on the ethics and politics of making. A deep concern for different modes of doing and being runs through Hopf’s engagement with systems of production and consumption. In “rest” the artist shows us the bare elements of a kind of socialmaterial metabolism in making one sculpture’s waste material – its “Rest” – the starting point for another. In spite of the urgency out of which such structural propositions on sculptural re/production arose, they still emanate a sense of lightness. Like in a cartoon where the most severe, brutal actions can unfold with inexplicable ease, here the proverbial leftover of food, the apple peel, has slipped from a plate onto the gallery floor, and miraculously magnified into a solid, enticing object.

Seemingly simple in appearance and humorous in appeal, Hopf’s objects provoke difficult questions: How to make things, and how to continue making those things called art in a time of intense material depletion and economical devastation on a planetary scale? What are art’s current politics of re/production, economically as well as ecologically speaking? What kind of (toxic) materials and what kind of (exploitative) structures keep that system running and what are one’s own implications in it? These are huge questions that are not always easy to answer, yet impossible to ignore. In allowing for the seemingly incompatible categories of the gigantic and the minuscule, the macro and micro to touch, Hopf brings such abstractions down to human, personal scale. They become your and mine abstractions too, although, as ever, in unequally distributed ways.