KUKUK

Cosima von Bonin, Stephan Dillemuth, Michaela Eichwald, Judith Hopf, Stephan Janitzky, Henrik Olesen, Max Schmidtlein, A.L. Steiner with Macho Mel Shimkovitz

23.03. – 08.06.2013

KUKUK

Cosima von Bonin, Stephan Dillemuth, Michaela Eichwald, Judith Hopf, Stephan Janitzky, Henrik Olesen, Max Schmidtlein, A.L. Steiner with Macho Mel Shimkovitz

23.03.–08.06.2013

 

Von Berlin aus gesehen, wo dieser Text eben geschrieben wird, wirkt München übersichtlich, und es ist für mich schwer einzuschätzen, ob man sich in München wundern wird, eine Galerie in einer Gegend zu finden, die hier als Wohnviertel bekannt ist. Oberföhring also; und ich stelle mir Rosenrabatte und Rasenflächen vor und Vögel, alles in einem südlicheren Licht, und ich versuche Zehlendorf aus dem Kopf zu bekommen, von dem Christopher Isherwood als einem düsteren schlammigen Loch spricht, in das sich die Reichen zurückgezogen haben – einer Art Slum für Reiche, wie er es nennt.

Deborah Schamoni eröffnet nun, aus Berlin kommend, im München, Oberföhring eine neue Galerie, und so ist das sowohl für uns, die wir aus verschiedensten Gründen einmal nach Berlin gezogen sind, als auch für die Münchner, vor denen sie vor vielen Jahren über Hamburg nach Berlin weggezogen war, ein Ereignis. Das Berliner Ereignis ist, dass wieder einmal jemand aus Berlin weggegangen ist, dass wir nach München schauen sollen, und dass neben anderen geografischen Anhaltspunkten, dem Kunstverein München, der Lothringer 13 und dem Lenbachhaus, die sich immer auch schon mit künstlerischen Entwicklungen in Berlin beschäftigt haben, es einen weiteren Ort geben wird, der auf der inneren Landkarte auch unseres Kunstbetriebes einzutragen ist. Die Münchner wiederum werden selbst einsetzen, was sie an diesem Ort interessieren könnte.

Eine Galerie ist ein Ort, an dem unter bestimmten Bedingungen, die von Martin Kippenberger als Handel und Wandel beschrieben wurden, Kunst gezeigt wird. Diese Galerie ist darin nicht anders, und hat zusätzlich noch einige räumliche Eigenheiten, durch ihre Situierung in einer Stadtvilla, abseits der eigentlichen Kunstmeilen, dafür mit Aussenraum.

Mir fällt Erhard Kleins Galerie dazu ein, einem der wichtigsten Galeristen im Nachkriegsdeutschland, über dessen Galerie so viele Anekdoten im Umlauf sind, von den Stützbalken, die jedesmal im Keller aufzustellen waren, wenn neue Steine von Ulrich Rückriem kamen, bis zu dem blauen Dreieck von Palermo über der Tür. Auch hier entwickelte sich eine Galerie rund und mit einem Haus und dem umgebenden Aussenraum.

Wenn es für Erhard Klein Beuys und Palermo waren, die grundsätzlich seine Galerietätigkeit bestimmt haben, ist es für Deborah Schamoni sicherlich die langjährige Freundschaft zu Judith Hopf und Henrik Olesen, die ihr Interesse an zeitgenössischen Positionen bestimmt.

Judith Hopf lebt in Berlin und unterrichtet an der Städelschule in Frankfurt. Nicht zuletzt seit ihrer Teilnahme an der documenta 2012 werden ihre Arbeiten international, v.a in Großbritannien, Italien und den USA gezeigt und beachtet. Ihre Kunst ist in einem zeitgenössischen Skulpturenbegriff verankert, mit einer eigenständigen Arbeit im Videobereich. In den letzten Jahren hat sich dazu ein sehr distinkter Zeichnungsstil entwickelt, der sich mit der sprechenden Linie auseinandersetzt und an die Zeichnungen von Saul Steinberg aus den 50er Jahren anknüpft. Judith Hopfs Werk erinnert an Entwicklungen der Arte Povera, mit einer sprachlichen Komponente von ziemlichen Witz. Diese schnelle Umsetzung von “Kopf auf Hand”, die keinerlei Vermittlung bedarf, bei der jedes Werk für sich selbst und ohne Künstlerin spricht, verbindet sie mit Henrik Olesen, auch er einer der bestimmenden Künstler der letzten Jahre in Berlin.

Henrik Olesen wurde im vergangen Jahr mit dem Kölner Hahn Preis ausgezeichnet und nimmt nun zum zweiten mal an der Biennale di Venezia teil. Vor zwei Jahren wurden seine Arbeiten in der ersten großen Einzelschau im Museum für Gegenwartskunst in Basel gezeigt. Seine Medien umfassen vor allem Skulptur und Druckgrafik. Ich könnte hier sehr lang über Henrik Olesen schreiben und habe das auch schon an anderer Stelle getan. Ich halte ihn für einen der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, nicht nur als “Artist’s Artist”, der er in Berlin sicherlich ist, sondern viel allgemeiner in seiner so sicheren Handhabung von Alltäglichem zu so noch nie Gesehenen. Dass Deborah Schamoni mit diesen zwei Künstlern gleich die erste Ausstellung in einer neuen Galerie eröffnen kann, zeigt, dass hier weit über geschäftliche Überlegungen ein großes Naheverhältnis zu den gezeigten Künstlern und Künstlerinnen besteht.

Michaela Eichwald stellt in dieser Hinsicht, die jetzt immer so geografisch aussieht, aber eben auch verschiedene Traditionen, Diskurse und Täglichkeit umfasst, eine Klammer dar. Sie lebt in Berlin, hat aber auch in den letzten Jahren mit Stephan Dillemuth an der Münchner Akademie gearbeitet. Von Michaela Eichwald kenne ich großformatige, zum Teil auf Collage basierende Malerei, sowie gegossene Polyharz Skulpturen. Die Malerei ist – ein wenig Sigmar Polke verwandt – auch durchaus gegen die Malerei entwickelt, Materialität bekämpfend und wirken lassend, sich selbst kommentierend, ansammelnd und zum Schluss selbstbewusst, in jedem Sinn. Das richtet sich gegen vieles und tritt für vieles ein und benötigt vom Betrachter und der Betrachterin ebenfalls ein gewisses Selbstvertrauen.

Für mich erinnert  der Name der Ausstellung KUKUK, auch seine eigenartig deutsche Altertümlichkeit, an die Zeit, in der München im Zentrum der Kunstentwicklung stand, jene Schwabinger Boheme, mit ihren kabarett-affinen Zwischenrufern. Der Künstler Stephan Dillemuth ist ein solcher Zwischenrufer im Kunstbetrieb. Es ist die im Münchner Kunstleben sicherlich bekannteste Position der Galerie, einer, dessen künstlerische Entscheidungen bei Künstlern immer große Aufmerksamkeit und Neugierde hervorruft, und es ist, auch von hier aus, sehr interessant, wie sich seine Zusammenarbeit mit einer Münchner Galerie entwickelt.

Die zwei jüngsten Künstler der ersten Ausstellung, Stefan Janitzky und Max Schmidtlein leben und arbeiten in München. Ich kenne Stefan Janitzky auch als einer der Organisatoren von Lothringer Strasse 13 und als sehr aufmerksamen Kunst-Beobachter. Es hat sich im Kunstbetrieb der letzten Jahre eigenartigerweise als Nachteil herausgestellt, wenn Künstler über ihre Bedingungen nachgedacht haben, oder diese vielleicht sogar selbst in die Hand genommen haben. Das ist eine seltsam a-historische Sichtweise, und kann sich auch wieder ändern. Die Arbeit von beiden kenne ich noch nicht, weiss aber, dass sie in München wichtige Positionen darstellen. Deborah Schamonis Galerie wird das jetzt zeigen, was ich besonders toll finde, weil man ja auch mal gern was Neues sieht.

Cosima von Bonins Werk ist jedoch im deutschen Kunstbetrieb sehr bekannt, und das nun schon seit Mitte der 90er Jahre. Sie gehört, mit Rosemarie Trockel, die wie Bonin in Köln arbeitet, zu den Künstlern, die Stoff, mit seiner eigentümlichen Materialtemperatur verwenden. Mit solchen genauen Materialsetzungen, die den Beuysschen Skulpturenbegriff und seine Ausdehnung in Temperatur und Gewicht als Parameter von Skulptur weiterentwickeln, ist sie bekannt geworden. Bei Deborah Schamoni zeigt sie Arbeiten auf Papier, die noch nicht oft gezeigt wurden. Auch Bonins Arbeiten haben diesen selbstsprechenden schnellen sprachlichen Witz, der bei Judith Hopf so präsent ist, dazu kommt noch so etwas wie Kölner Schule im Ausloten des Kalauers und eine Selbstverständlichkeit bei der Herstellung des Werks, die es so in Berlin nicht gibt.

Al Steiner zu dieser Ausstellung durchgängig in Deutschland lebender Künstler und Künstlerinnen dazuzunehmen, zeigt uns die Galeristin. Deborah Schamoni und ihre neue Galerie kommen nicht aus einem abgegrenzten Kunstdiskurs, so legitim auch das wäre, sondern aus vielen verschiedenen. Das hatte in Berlin etwas Befreiendes und hat hier viel ermöglicht. Es kann für München nicht falsch sein. Al Steiner ist ein/e politische/r Künstler//in des nicht-konsumierbaren Lebens, Eigentlich Fotografin, in Deutschland vor allem auch durch ihre Zusammenarbeit mit Chicks on Speed bekannt, verfügt sie über eine Unabhängigkeit zum klassischen Ausstellungsbetrieb, die auch aus einer Verankerung in und Verantwortlichkeit gegenüber der New Yorker Queer-Community kommt. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten stellen dieses Netzwerk dar. Das ist nun New York, auch dahin hat und wird die Galerie von Deborah Schamoni Fäden ziehen.

 

Jetzt sind wir in Berlin natürlich traurig, dass wir nicht so eine schöne neue Galerie bekommen, werden dafür aber wohl häufiger nach München kommen müssen. Leider ist die Bahn dorthin unverschämt teuer, das Essen dann aber besser.

 

Ariane Müller

Herausgeberin von Starship

 

 

(„Mach et nisch zu teuer“ pflegte Erhard Klein zu sagen, wenn er mit seinen Künstlern über die Preisgestaltung ihrer Kunstwerke verhandelte. Die Geschichte der Galerie Klein, 1970 bis Anfang 1994 in Bonn und ab Sommer 1994 in Bad Münstereifel-Mutscheid, ist eine Geschichte voller Anekdoten, aus denen stets deutlich wird, daß Erhard Klein und seine Künstler keine distanzierten Geschäftsbeziehungen, sondern enge und lange Freundschaften pflegten.)

 

 

KUKUK

Cosima von Bonin, Stephan Dillemuth, Michaela Eichwald, Judith Hopf, Stephan Janitzky, Henrik Olesen, Max Schmidtlein, A.L. Steiner with Macho Mel Shimkovitz

23.03.–08.06.2013

 

As seen from Berlin, where this text is written, Munich seems so well organised it’s difficult for me to guess whether or not people there will wonder to find a gallery in the city’s residential area of Oberföhring. I imagine rose borders, front lawns, birds dipping in a southern light and try to get Zehlendorf out of my head, which Christopher Isherwood called a dark and muddy hole where the rich have withdrawn. A kind of slum for the rich, as he calls it.

Deborah Schamoni has now opened a new gallery in Oberföhing. This is as much an event for us who moved to Berlin for various reasons as it is for people in Munich, where she herself moved from to Berlin via Hamburg many years ago. For Berliners this means that again someone has departed from Berlin and we should look to Munich. Her gallery will be one more place, next to Kunstverein Munich, Lothringer 13 and the Lenbachhaus that have already engaged with artistic developments in Berlin, on the map of our very own art world. People in Munich will have to decide for themselves their interest in a place like this.

A gallery is a place where under certain conditions – described by Martin Kippenberger as ‘trade and change’ – art is shown. This gallery is no different but it has some physical peculiarities; being situated in a villa with a large outside space away from the art district. I remember Erhard Klein Gallery, one of the most important galleries in postwar Germany and some of the anecdotes that are told about it; from the support beams that had to be set up in the basement when new stone blocks by Rückriem were brought in, to Palermo’s blue triangle above the door. Here too, a gallery develops around a house and its surroundings.

If Beuys and Palermo were the foundation for Erhard Klein’s gallery, for Deborah Schamoni it is certainly long-lasting friendships with artists Judith Hopf and Henrik Olesen who have determined her interest in contemporary art.

Judith Hopf lives in Berlin and teaches at the Städel School in Frankfurt. It is not only since her participation in dOCUMENTA 13 that her work finds international attention, particularly in the UK, Italy and the United States. Her art is anchored in contemporary concepts of sculpture, with a discreet foot in video. In recent years she has developed a very distinct drawing style that allows the line to speak for itself, connected to drawings by Saul Steinberg from the 1950s. Hopf’s work is also reminiscent of the development of Arte Povera with a funny linguistic component. This rapid transformation ‘from head to hand’ does not need any mediation either. Where each work speaks for itself and without the artist also connects her to Henrik Olesen, who in the recent years has become one of the leading artists in Berlin.

Henrik Olesen was awarded the Wolfgang-Hahn Prize last year and two years ago had his first major solo exhibition at the Museum of Contemporary Art in Basel. His artistic mediums mainly include sculpture and printmaking. I could continue to write at length about Olesen, but I’ve already done that elsewhere. I think of him as one of the most important contemporary artists working today. Not only as an ‘artist’s artist’, which he certainly is considered to be in Berlin, but how he handles the everyday with so much confidence in a way that I have never seen an artist do before. The fact that Deborah Schamoni opens her new gallery with these two artists shows that there are close relationships that go far beyond business considerations.

In this regard Michaela Eichwald bridges a gap, which might look merely geographical, but which is also between different traditions, discourses and activities. While she lives in Berlin, in recent years Eichwald worked with Stephan Dillemuth at the Munich Academy. Of her work I know large paintings, which are in part based on collages, and sculptures cast in resin. Her paintings are – a little like Sigmar Polke – developed against painting, fighting materiality but allowing it to speak as well; commenting upon it and accumulating, and in the end in this respect confident. That is, they are directed against and advocate so much while asking a certain confidence from the viewer as well.

The title of the exhibition, ‘KUKUK’ and its peculiarly German old-world quality reminds me of a time when Munich was a centre of artistic development – days of Schwabing Bohemia and their cabaret-affine hecklers. The artist Stephan Dillemuth is also such a heckler in the art world. In the Munich art scene he certainly represents the most well known position within the gallery. His artistic practice generates a lot of attention and curiosity from artists. Seen from afar it will be very interesting how his collaboration with the gallery will develop.

The youngest artists in this exhibition, Stefan Janitzky and Max Schmidtlein, both live and work in Munich. I know Janitzky as one of the organizers of Lothringer 13 and as a very attentive observer of art. Strangely, in recent years when artists reflected on their conditions, or take them into their own hands, it has turned out to be a disadvantage for them. But that’s a weird a-historical perspective, which may change again. I do not know the work of the two artists yet, but know that they are important positions in Munich. Deborah Schamoni will show them now, which I find particularly interesting because one likes to see something new once in a while.

Cosima von Bonin’s work has been well known in the German art world since the mid-1990s. Like Rosemarie Trockel, who also works in Cologne, she is an artist who uses fabric with a peculiar material temperament. Such a precise use of this material continues to develop the sculptural parameters made by Beuys, the extension in temperature and weight. At Deborah Schamoni however she shows rare works on paper. Bonin’s art contains similar linguistic jokes that are present in Hopf’s work as well – exploring the pun and an implicitness in the production of work that is familiar to Cologne while unknown in Berlin.

To include Al Steiner in an exhibition of artists who live in Germany shows that Deborah Schamoni and her new gallery don’t come from a closely defined singular artistic discourse (which would be ok too) but from many different discourses. In Berlin this has had a liberating effect before and made many things possible so it can’t be wrong for Munich. Steiner is a political artist of non-consumable life, a photographer with roots in and a responsibility towards the New York queer community and known in this country through collaborations with Chicks on Speed independent from exhibiting. Her work in this exhibition represents this network. This is New York now and this is also where Deborah Schamoni’s gallery will connect with as well.

Of course we are sad that we do not get such a beautiful new gallery in Berlin and I guess now we have to come to Munich more often. Unfortunately the train fares are outrageously expensive but the food is much better.

Ariane Müller

Editor of Starship

(“Don’t make it too expensive” was what Erhard Klein used to say when he was negotiating with its artists over the pricing of their art. The history of the Gallery Klein, 1970 to early 1994 in Bonn and from the summer of 1994 in Bad Münstereifel-Mutscheid, is a story full of anecdotes from which we can learn that Erhard Klein and his artists did not maintain distant relationships, but longlasting and close friendships.)